30 Jahre Mauerfall – Biografien aus Ost und West. Eine Spurensuche

Podiumsdiskussion am Max-Rill-Gymnasium Schloss Reichersbeuern

Das Max-Rill-Gymnasium Reichersbeuern hat es sich zum Anliegen gemacht, aktuelle politische Ereignisse an einem fest im Jahresplan verankerten Tag der Demokratie jeweils im November zu diskutieren. Was liegt näher, wenn die Schule von einer gebürtigen Ostdeutschen aus Jena geleitet wird, als Biografien aus Ost und West zum 30. Jahrestag des Mauerfalls zusammenzubringen und über ihr Erleben der Zeit vor und nach dem Mauerfall zu sprechen?

Sieben Schüler aus Reicherbeuern und der Partnerschule aus Jena, dem Beruflichen Gymnasium Göschwitz, wurden vom Ehrenvorsitzenden des Deutschen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, Klaus Wenzel, als Moderatoren einer Podiumsdiskussion zum Thema „30 Jahre Mauerfall“ in einem ganztägigen Workshop vorbereitet. Alle Klassen der Schule hatten bereits zwischen acht und 10 Stunden in der Woche an einem Projekt zum Thema gearbeitet und konnten daher der abendlichen Diskussion sehr gut inhaltlich folgen:

Ein einschneidendes Erlebnis aus der Zeit vor dem Mauerfall war für die damalige Studentin Carmen Mendez, die den Sozialismus zunächst in der Kindheit und Jugend als sehr begabtes und vom Staat gefördertes „Vorzeige-Arbeiterkind“ durchaus positiv erfahren hatte, das Verbot der kritischen russisch-deutschen Zeitschrift „Sputnik“ im Jahre 1987, das deutlich machte, dass „Glasnost“ und „Perestroika“ in der DDR unerwünscht waren. „Meine Protestresolution für die weitere Veröffentlichung des ‚Sputnik‘ endete mit einer öffentlichen Suche an der Universität nach der ‚Aufrührerin‘ – zum Glück aber gab es damals sehr schnell landesweiten Protest gegen das Verbot, so dass meine Aktion ohne negative Folgen für mich blieb, wie zunächst mit einer Exmatrikulation angedroht. “ Ein ähnliches Erlebnis berichtet Christine Seidemann, heute Lehrerin an der Integrierten Gesamtschule Grete Unrein in Jena. Sie verließ als Kind einen Umzug zum 1. Mai etwas früher und wurde deshalb fast der Schule verwiesen. Ihre Lehre daraus: „Man musste sich sehr genau überlegen, was man zu wem sagte.“ Ganz anders die Zeit vor der Wende für den Unternehmer Heinz-Jürgen Blüm aus Rhein-Hessen, der sich zunächst wenig mit Politik beschäftigte und sich als Greenpeace-Sympathisant als „unpolitisch grün“ bezeichnete. Erst während seines Wehrdienstes beschäftigte er sich mit den unterschiedlichen politischen Systemen von BRD und DDR.

Andreas Schönau, der vor dem 9.11.1989 als Unteroffizier der Grenztruppen der DDR diente, erlebte durch den Mauerfall eine persönliche Wende „vom überzeugten Freiheitsverweigerer zum überzeugten Freiheitsverteidiger“. Seine Aufgabe, Mitbürger davon abzuhalten, in die Freiheit zu gelangen, stellte er zu dieser Zeit nicht in Frage. Er war überzeugt, das Richtige zu tun. Eine Moderatorin hakte nach: Wie war Schönaus Vorstellung vom Land hinter der Mauer? „Menschen, die die DDR verlassen wollten, waren Verbrecher, Verräter und Feinde, so waren wir gedrillt.“ Der ostdeutsche Sozialstaat war der gute Staat, der Westen das gefährliche kapitalistische Feindbild. Carmen Mendez bestätigte die systematische Indoktrination bereits in der Kindheit: Es gab militärische Spiele im Sportunterricht und während der Sommerlager der Pioniere, der Jugendorganisation der DDR, wie Weitwerfen mit Handgranatenattrappen oder Übungen mit Gasmasken, die die Reaktion auf einen Angriff der westlichen Länder simulieren sollten. So übte man spielerisch die kämpferische antiwestliche Haltung. Schönau lernte erst nach der Wende, dass Freiheit in wertvolles Gut ist, mit dem aber nicht jeder umgehen kann. Heinz-Jürgen Blüm bedauert, dass zum 30. Jahrestag des Mauerfalls der Fokus immer noch zu sehr auf den Unterschieden der Länder in Ost und West liegt. Die Leistung des Aufbaus der neuen Bundesländer seit 30 Jahren sei immens und deutlich sichtbar. Blüm ging nach der Wende nach Thüringen, um sich dort durchaus idealistisch mit Fördergeldern für die Entwicklung der Technologiebranche einzusetzen. Es fehlte in den Anfangsjahren allerdings an allem – an Infrastruktur, an hoch qualifizierten Facharbeitern, da viele von ihnen in die westlichen Bundesländer abgewandert waren. Ein riskanter, schwieriger Start entwickelte sich schließlich zu einem Erfolgsunternehmen. „Es wäre bequemer gewesen, in den alten Bundesländern zu bleiben. Aber ich sah es als eine Aufgabe meiner Generation, mich mit am Aufbau zu beteiligen.“

Carmen Mendez hatte selbst viele Jahre nach der Wende und einer in Gesamtdeutschland beendeten Ausbildung noch mit dem Misstrauen der Eltern an bayerischen Schulen zu kämpfen, die sie fragten, ob sie denn überhaupt hier unterrichten dürfe. Eine Frage, die sie als ehemalige Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Schulpädagogik und Schulentwicklung der Universität Jena umso mehr erstaunte. Die Berührungsängste zwischen Ost und West blieben groß, das Unwissen über den jeweils anderen Teil wohl auch. Christine Seidemann erfuhr die Möglichkeiten eines freien Staates nach der Wende insbesondere über ihr durch einen verunreinigten Impfstoff schwerbehindertes Kind, das erst nach 1989 zur Schule gehen durfte, innerhalb der von ihr und ihrem Ehemann gegründeten „Lebenshilfe Jena“.

Auf die Frage der Moderatoren nach der Staatssicherheit, der Geheimpolizei der DDR, im Alltag der Menschen, antwortete Seidemann, dass die Gegenwart der Stasi den meisten gar nicht bewusst war. Erfahrungen hatte dennoch fast jeder, sei es die Wanze, die im Telefon entdeckt wurde, seien es Hinweise auf Wohnungsdurchsuchungen. Die engmaschige Bespitzelung der DDR-Bürger wurde aber erst mit der Einsicht in die Stasiakten nach der Wende deutlich.

Wie allgegenwärtig waren da Fluchtgedanken? Mendez berichtet, ihre Mutter habe jeden gelungenen Ballonflug gen Westen gefeiert. Sie hatte ihre Kinder sogar zum Leistungssport angehalten, da dies der einfachste Weg heraus aus der DDR schien. „Wenn du drüben bleibst, bin ich dir nicht böse!“ Dazu kam es aber nicht. Die Konsequenzen wären für die Eltern mindestens ein Berufsverbot gewesen, die Geschwister hätten nicht studieren dürfen. Offene Gespräche über Flucht waren undenkbar. Zudem wurde die Angst vor der BRD, dem „bösen Staat“, geschürt – man wäre allein, keiner würde einen unterstützen. Seidemann hatte immer die Sehnsucht, die Welt zu sehen. Doch Heimat war da, wo die Familie war. Man dachte nicht an Flucht. „Grundsätzlich ging es uns nicht schlecht“, sofern man sich staatskonform verhielt. Reisen in den Westen waren erst im Rentenalter erlaubt, wenn man für den Staat kein nützlicher, erwerbstätiger Bürger mehr war.

Am Tag des Mauerfalls 1989 stand Schönau als Soldat an der polnischen Grenze. Dort wurde das Ereignis erst einen Tag später bekannt. Seine erste Reaktion: Schockstarre gepaart mit Angst vor Arbeitslosigkeit. Gemeinsames Kaffeetrinken mit dem Bundesgrenzschutz der BRD milderte den emotionalen freien Fall. Die Moderatoren fragten, ob ihn der Mauerfall überrascht hätte. Schönau antwortet mit einem nachdrücklichen „Ja!“ Es gab in seinem Umfeld keine Anzeichen dafür. „Hätten Sie auf jeden, der der Grenze zu nahe kam, schießen können?“ „Ja.“ Es wäre ein automatisiertes Programm abgelaufen: zweimal anrufen, dann Warnschuss, schließlich Schuss in die Beine. „Man wurde wie ein Hund darauf trainiert.“ Nichts wurde hinterfragt. Schönau war damals 18 Jahre alt.

„Wie waren Ihre Vorstellungen 1989 aus dem Westen heraus gedacht von einem gemeinsamen Deutschland?“, wollten die Moderatoren von Blüm wissen. Blüm sah immer ein großes Potential in der wirtschaftlichen Entwicklung. Das emotional-soziale Zusammenwachsen gestaltet sich jedoch komplizierter, das war ihm bereits in den Anfängen des gemeinsamen Deutschlands klar. Die heute wieder stärker werdende Stimmung einer „Ostalgie“ spiegelt unter anderem die immer noch schwierige Entwicklung ländlicher Regionen im Osten wider, die unter Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund zu leiden haben und die letzten Jahrzehnte persönlich als gefühlten Rückschritt erfahren haben. Die Angleichung der Löhne und Renten sieht er nicht als eigentliches Problem – in dieser Beziehung wurde bereits im Verlauf der letzten 30 Jahre sehr viel geleistet, das dürfe man nicht vergessen und man müsse stets die Relation im Blick behalten. „Wir müssen am grundsätzlichen Problem arbeiten, dass sich ein Teil der Ostdeutschen immer noch als benachteiligt und weniger wert empfindet.“ Seidemann setzt hier auf einen weiter wachsenden persönlichen Austausch zum Abbau von Berührungsängsten und schließt die Diskussionsrunde mit einem bewegenden Appell: „30 Jahre Mauerfall sind sehr wohl ein Grund zum Feiern, das muss gerade bei den jüngsten Wahlergebnissen in Ostdeutschland laut gesagt werden!“ (Karin Krekel)

 

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Bericht 30 Jahre Mauerfall Podiumsdiskussion MRG